Zwischen den Heiratsgesuchen, die ich in gebundenen Zeitungsjahrgängen der 1890er Jahre lese, und den Profilen, die mir meine Nichte auf ihrem Telefon zeigt, liegen gut hundertdreißig Jahre. Der Abstand wirkt kleiner, als man denkt. Wer sich beschreibt, um gefunden zu werden, muss auswählen, ein wenig schönen und dann warten. Dieser Text verfolgt den Weg vom Zeitungsinserat über das Vermittlungsbüro und den Großrechner bis zum Smartphone. Er ist eine Rückschau und kein Ratgeber. Welche heutigen Angebote etwas taugen, beurteile ich nicht, und die Namen, die weiter unten fallen, stehen dort als Stationen einer Geschichte.
Im Kaiserreich wurde die Heiratsanzeige zu einem festen Teil des Anzeigenteils. Die Historikerin Tamara Frey hat in ihrer Göttinger Dissertation über Heiratsannoncen im Kaiserreich gezeigt, wie stark ihre Zahl in dieser Zeit wuchs und wie sehr die Inserenten gegen einen Ruf der Unseriosität anschrieben. Diskretion wurde beteuert, Ehrenwort gegeben, Vermögen umschrieben. Wie das im Einzelnen aussah, habe ich im Beitrag über Heiratsanzeigen im Kaiserreich ausführlicher beschrieben.
Wie selbstverständlich die Form um 1910 geworden war, zeigen die Briefsteller jener Jahre. Im „Haussekretär“, einem dicken Berliner Musterbuch für alle Lebenslagen, stehen Heiratsgesuche gleich neben Versteigerungen und Vereinsnachrichten: ein kinderloser Witwer Mitte vierzig mit zehntausend Mark, eine gebildete Witwe in den Vierzigern, ein „solider Junggeselle in fester, kaufmännischer Stellung“. Zuschriften gingen an eine Chiffre bei der Zeitung oder an ein Postamt. Diese Chiffre war die eigentliche Erfindung, denn sie erlaubte es, sich öffentlich zu zeigen und trotzdem unerkannt zu bleiben.
Parallel dazu arbeiteten gewerbliche Ehevermittler, über die ich in einem eigenen Text zur Heiratsvermittlung um 1900 schreibe. Der österreichische Nationalökonom Viktor Mataja widmete beiden Wegen 1920 eine eigene Untersuchung, „Heiratsvermittlung und Heiratsanzeigen“. Dass ein Wirtschaftswissenschaftler sich des Themas annahm, sagt schon einiges: Partnersuche war ein Markt geworden, und man sprach auch so darüber.
Beide Weltkriege hinterließen Frauen, deren Verlobte oder Männer nicht zurückkamen, und das Problem war nicht neu. Schon nach 1871 stellte sich für Witwen und Bräute die Frage nach Versorgung und Wiederheirat, wie im Beitrag über Kriegerwitwen nach 1871 nachzulesen ist. In den Anzeigenspalten der Zwischenkriegszeit spiegelt sich dieser Mangel an Männern deutlich, und in den 1930er Jahren zog auch die Sprache des Regimes in die Inserate ein. Wer die Bände dieser Jahre durchblättert, stößt auf Formulierungen, bei denen man die Seite gern schneller umschlägt.
In der Bundesrepublik blieb die Zeitungsanzeige lange der übliche Weg. Der Soziologe Peter Kaupp legte 1968 mit „Das Heiratsinserat im sozialen Wandel“ eine eigene Studie zur Partnerwahl über das Inserat vor. Mit den Jahren verschob sich das Vokabular: Aus dem „Heiratsgesuch“ wurden „Bekanntschaften“ und schließlich die schlichte Rubrik „Er sucht Sie“. Die Anzeigen wurden kürzer, weil jedes Wort Geld kostete, und es entstand ein eigener Kürzelwortschatz aus Abkürzungen für Nichtraucher, schlank, gutaussehend und ähnliche Tugenden. In meiner Sammlung liegt eine Samstagsseite einer Regionalzeitung von 1978 mit über sechzig solcher Kleinanzeigen, und ich brauche für manche immer noch eine Weile.
In der DDR gab es Kontaktanzeigen ebenfalls, vor allem in zwei landesweit erscheinenden Blättern, der „Wochenpost“ und dem „Magazin“. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat ein kleines Korpus von 880 solcher Anzeigen aus den Jahren 1953 bis 1989 online zugänglich gemacht, durchsuchbar nach Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Wer die ost- und westdeutschen Texte nebeneinanderlegt, merkt schnell, wie ähnlich die Wünsche waren und wie verschieden die Selbstbeschreibungen.
Die überraschendste Station ist für mich die elektronische Partnervermittlung der späten 1960er und 1970er Jahre. Der Historiker Michael Homberg hat sie 2020 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Zeithistorische Forschungen nachgezeichnet. Ihm zufolge veranstaltete die Münchner Jugendzeitschrift „twen“ ab 1967 Aktionen namens „Rendez-Vous“, bei denen Fragebögen im Rechenzentrum von IBM in Frankfurt ausgewertet wurden. Im ersten Jahr machten gut 25.000 Leserinnen und Leser mit, 1970 waren es mehr als 106.000. Die Fragen entwarfen Psychologen, unter ihnen der Hamburger Hugo Schmale.
Kommerziell im großen Stil betrieb das Geschäft die Hamburger Firma Altmann. Nach Homberg beschäftigte sie Ende 1970 rund 650 Mitarbeiter und ließ auf einem IBM-Rechner des Typs 360/40 mehr als 130 Merkmale ihrer Kunden miteinander vergleichen. Aufschlussreich ist, wer nicht mitmachen durfte: Frauen über fünfzig etwa oder Männer unter 1,55 Metern. Der Rechner übernahm also nicht nur die Sortierarbeit, sondern auch die Vorurteile der Menschen, die ihn programmierten. Einen solchen Fragebogen habe ich bisher nur als Abbildung gesehen. Auf Flohmärkten tauchen sie praktisch nie auf, vermutlich weil niemand zugeben wollte, einen ausgefüllt zu haben.
Mitte der 1990er Jahre gingen in den USA die ersten Partnerseiten im Internet an den Start. In Deutschland entstand aus einem kleineren Vorläufer im Jahr 2000 in München FriendScout24, das später in LoveScout24 umbenannt wurde. Am 14. Februar 2001 folgte in Hamburg Parship, dessen Fragebogen laut Wikipedia unter Mitwirkung von Hugo Schmale entstand. Derselbe Psychologe also, der dreißig Jahre zuvor an den „twen“-Bögen mitgearbeitet hatte. Solche Linien quer durch die Jahrzehnte gefallen mir an dieser Geschichte am besten.
Mit dem Netz verlor die Chiffre ihren Zweck. Ein selbst gewählter Benutzername leistet dasselbe, und zwar ohne Umweg über die Anzeigenabteilung. Seit den 2010er Jahren kamen Apps für das Telefon hinzu, bei denen man Fotos mit einer Wischbewegung annimmt oder verwirft. Das Tempo ist ein anderes, die Grundfrage nicht. Der Witwer aus dem „Haussekretär“ nannte sein Alter, seinen Charakter und sein Vermögen, die Nutzerin von heute nennt Alter, Hobbys und Größe. Man beschreibt sich knapp und hofft, dass am anderen Ende jemand zwischen den Zeilen liest.
| Briefe und Anzeigen | ||
| Brautbriefe und Feldpost | Was Soldaten 1870/71 nach Hause schrieben und wie die Post sie beförderte. | |
| Heiratsanzeigen | Ehesuche in der Zeitung zwischen 1871 und 1914: Sprache, Zahlen und Ruf. | |
| Heiratsvermittler um 1900 | Ehemakler, Heiratsbüros und der Lohn, den kein Gericht zusprach | |
| Von der Annonce zur Partnerbörse | Kontaktanzeigen, Vermittlungsinstitute und Computertests im 20. Jahrhundert, dann Internet und App. | |
| Recht und Familie | ||
| Zivilehe 1875 | Standesamt statt Kirchenbuch: das Personenstandsgesetz und seine Folgen | |
| Verlobung, Mitgift, Aussteuer | Brautschatz, Wäschetruhe und der Paragraf zum Kranzgeld | |
| Kriegerwitwen nach 1871 | Beihilfen in Talern, Wartefristen und die Frage der zweiten Ehe | |
| Zum Hintergrund | ||
| 1870/71 im Rückblick | Der Krieg, die Reichsgründung und wie man sich später daran erinnerte. | |
| Quellen | Bücher, Aufsätze, Gesetzestexte und digitale Bibliotheken, auf die sich die Beiträge stützen. | |
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