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Brautbriefe, Heiratsanzeigen und Eheanbahnung in Deutschland

1870/71 im Rückblick: Krieg, Reichsgründung, Erinnerung

Die meisten Seiten dieses Projekts erzählen von Verlobten, Ehepaaren und Witwen. Sie alle stehen aber vor einem Hintergrund, den ich hier einmal knapp zusammenfassen möchte, ohne Schlachtpläne und ohne Heldenpathos. Wer sich für Truppenbewegungen interessiert, ist in jeder Militärgeschichte besser aufgehoben. Mir geht es um den Rahmen, in dem die Briefe meiner Sammlung geschrieben wurden, und um die Frage, wie sich die Deutschen später an diesen Krieg erinnert haben.

Gemälde der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles mit Offizieren, die ihre Säbel erheben

Der Anlass war, gemessen an den Folgen, erstaunlich klein. Im Sommer 1870 stritten Paris und Berlin über die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron. Am 13. Juli kam es in Bad Ems zu einer Begegnung zwischen König Wilhelm I. und dem französischen Botschafter Benedetti, über die Bismarck eine zugespitzte Fassung an die Presse gab, die berühmte Emser Depesche. Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Die süddeutschen Staaten traten, wie vertraglich vereinbart, an die Seite des Norddeutschen Bundes.

Was folgte, ging für die Zeitgenossen erschreckend schnell. Am 6. August wurde bei Wörth und Spichern gekämpft, am 16. August bei Mars-la-Tour, am 18. August bei Gravelotte. Die Schlacht bei Sedan endete am 2. September mit der Kapitulation einer französischen Armee und der Gefangennahme Kaiser Napoleons III. Zwei Tage später wurde in Paris die Republik ausgerufen. Der Krieg war damit aber nicht zu Ende. Ab dem 19. September wurde Paris belagert, und neu aufgestellte französische Armeen kämpften noch monatelang weiter, vor allem an der Loire und im Norden. Für die Soldaten bedeutete das einen Winterfeldzug, mit dem niemand gerechnet hatte, und für die Familien zu Hause lange Monate des Wartens auf Post. Wie diese Post funktionierte, beschreibe ich auf der Seite über Brautbriefe und Feldpost.

Noch während der Belagerung wurde in Versailles das Deutsche Reich ausgerufen. Die neue Verfassung galt ab dem 1. Januar 1871, die feierliche Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser fand am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses statt. Das bekannteste Bild davon, Anton von Werners Gemälde, ist übrigens keine Momentaufnahme. Werner malte die Szene mehrfach, die dritte Fassung entstand 1885 als Geschenk der königlichen Familie zu Bismarcks 70. Geburtstag, und die Dargestellten sind darauf so alt, wie sie 1885 waren, nicht wie 1871. Ich habe das Bild im Unterricht jahrelang als Beispiel dafür gezeigt, dass auch ein Gemälde eine Quelle ist, die man befragen muss.

Schüler und Lehrer bei einer Sedanfeier vor einem Gymnasium in Wandsbek um 1900

Am 28. Januar 1871 wurde ein Waffenstillstand geschlossen, im Februar folgte der Vorfrieden von Versailles und am 10. Mai 1871 der Friede von Frankfurt. Frankreich trat das Elsass und einen Teil Lothringens ab, die fortan als Reichsland Elsaß-Lothringen verwaltet wurden, und musste fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung zahlen. Nach den Zahlen, die die Wikipedia nennt, starben auf deutscher Seite rund 44.800 Soldaten, auf französischer Seite fast 139.000. Hinter jeder dieser Zahlen steht eine Familie und nicht selten eine Braut, die nach dem Krieg ohne Mann dastand. Von ihnen handelt die Seite über Kriegerwitwen nach 1871.

Das neue Reich brauchte Erinnerungsorte, und es schuf sie schnell. Am 2. September 1873, dem dritten Jahrestag von Sedan, wurde in Berlin die Siegessäule eingeweiht. Sie stand damals noch auf dem Königsplatz vor dem späteren Reichstag und erinnerte an alle drei sogenannten Einigungskriege von 1864, 1866 und 1870/71. Erst 1938/39 wurde sie an den Großen Stern versetzt. Am Rhein bei Rüdesheim entstand das Niederwalddenkmal, dessen Grundstein 1877 gelegt und das am 28. September 1883 eingeweiht wurde. Dazu kamen in fast jeder Stadt und in vielen Dörfern Kriegerdenkmäler, oft mit den Namen der Gefallenen, manchmal geschmückt mit erbeuteten französischen Geschützen. Wer einmal darauf achtet, findet sie noch heute, häufig in der Nähe der Kirche, und nicht selten neben einem späteren Denkmal für 1914 bis 1918. Auch in Hildesheim gibt es solche Steine, an denen ich jahrelang vorbeigegangen bin ohne sie wirklich anzusehen.

Die wichtigste regelmäßige Feier war der Sedantag am 2. September. Vorgeschlagen hatte das Datum 1872 der Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh. Ein offizieller Nationalfeiertag wurde der Tag nie, Wilhelm I. lehnte das ab. In Preußen wurde er aber ab 1873 auf Anordnung des Kultusministeriums an Schulen und Universitäten begangen, und vielerorts gehörten Umzüge, Gottesdienste, Reden und Kriegervereine dazu. Allgemein beliebt war er nicht. Viele Katholiken hielten sich in den Jahren des Kulturkampfes fern, 1874 untersagte der Mainzer Bischof sogar das Läuten der Glocken, und die Sozialdemokraten lehnten den Tag als militaristisch ab. Wie eng Kulturkampf und Alltag der Paare zusammenhingen, zeigt die Einführung der Zivilehe 1875. Im August 1919 erklärte das Innenministerium der Weimarer Republik, dass keine Sedanfeiern mehr stattfinden würden. Meine Großmutter hat noch erzählt, dass es an diesem Tag in ihrer Schulzeit schulfrei gab und Würstchen, woran sie sich deutlich besser erinnerte als an den Anlass.

Nach 1918 und erst recht nach 1945 geriet der Krieg von 1870/71 in Deutschland weitgehend in den Schatten der beiden Weltkriege. In Frankreich blieb er stärker präsent, schon wegen des Verlusts von Elsass und Lothringen, und es gibt dort bis heute eigene Museen dazu, etwa in Gravelotte und in Loigny.

Die Jahrestage 2020 und 2021 haben das Thema noch einmal zurückgeholt, wenn auch gedämpft durch die Pandemie. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden zeigte die Ausstellung „Krieg Macht Nation“ über die Einigungskriege, das Hauptstaatsarchiv Stuttgart die Ausstellung „Nation im Siegesrausch“ mit Blick auf Württemberg. In Frankreich gab es eine ganze Reihe von Ausstellungen, von Belfort bis in die Ardennen, die stärker nach der Zivilbevölkerung und nach den Regionen fragten. Dazu kamen Tagungen und Vorträge an Universitäten, Geschichtsvereinen und Museen, auch in kleineren Orten. Mir hat diese Welle den letzten Anstoß gegeben, meine Kartons endlich zu ordnen. Warum ich dabei bei Liebesbriefen und Heiratsanzeigen gelandet bin und nicht bei Schlachten, erkläre ich auf der Seite über mich.

 


Briefe und Anzeigen
Brautbriefe und Feldpost Was Soldaten 1870/71 nach Hause schrieben und wie die Post sie beförderte.
Heiratsanzeigen Ehesuche in der Zeitung zwischen 1871 und 1914: Sprache, Zahlen und Ruf.
Heiratsvermittler um 1900 Ehemakler, Heiratsbüros und der Lohn, den kein Gericht zusprach
Von der Annonce zur Partnerbörse Kontaktanzeigen, Vermittlungsinstitute und Computertests im 20. Jahrhundert, dann Internet und App.
Recht und Familie
Zivilehe 1875 Standesamt statt Kirchenbuch: das Personenstandsgesetz und seine Folgen
Verlobung, Mitgift, Aussteuer Brautschatz, Wäschetruhe und der Paragraf zum Kranzgeld
Kriegerwitwen nach 1871 Beihilfen in Talern, Wartefristen und die Frage der zweiten Ehe
Zum Hintergrund
1870/71 im Rückblick Der Krieg, die Reichsgründung und wie man sich später daran erinnerte.
Quellen Bücher, Aufsätze, Gesetzestexte und digitale Bibliotheken, auf die sich die Beiträge stützen.
Über mich Wer hier schreibt, wie die Sammlung entstand und wie ich mit Quellen arbeite.

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