Wer einen Feldpostbrief von 1870 in der Hand hält, merkt zuerst das Papier. Dünn, oft kariert oder linienlos, mehrfach gefaltet, manchmal mit Bleistift beschrieben, weil Tinte im Biwak nicht zu haben war. Das Bündel, mit dem meine Sammlung angefangen hat, sieht genau so aus. Es hat mich Wochen gekostet, die Kurrentschrift zu entziffern, und an zwei Stellen bin ich bis heute nicht sicher, ob da „Kuss“ oder „Kaffee“ steht. Beides würde passen.

Feldpostkarte eines Leutnants aus Dugny bei Paris an seine Schwester in Berlin, 20. Oktober 1870
Diese Seite handelt von den Briefen, die Soldaten im Krieg 1870/71 an ihre Bräute und Ehefrauen schickten, und von der Organisation, die dafür sorgte, dass sie überhaupt ankamen.
Dass Briefe zwischen Front und Heimat in großer Zahl hin und her gingen, war 1870 keine Selbstverständlichkeit. Die Feldpost, mit der Preußen und seine Verbündeten in den Krieg zogen, war kurz zuvor von Heinrich von Stephan neu geordnet worden, der im April 1870 Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes geworden war. Beim Aufmarsch zählte man nach der Übersicht in der Wikipedia 77 Feldpostanstalten mit 292 Beamten, 202 Unterbeamten, 294 Postillonen, 869 Pferden und 188 Fahrzeugen. An der französischen Grenze wurden sechs Sammelstellen eingerichtet, an denen die Post aus der Heimat gebündelt und dann auf die einzelnen Truppenteile verteilt wurde. Weiter vorne arbeiteten Feldpostrelais und Feldpoststationen.
Mit dem Vormarsch wuchs das Netz. Am Ende waren es 411 Feldpostanstalten auf einem Gebiet von mehr als 170.000 Quadratkilometern. Über die Menge der Sendungen gibt es unterschiedliche Angaben. Häufig genannt werden für die norddeutsche Feldpost gut 90 Millionen Briefe und Karten, dazu kamen die Sendungen der süddeutschen Staaten, sodass man insgesamt auf rund 100 Millionen kommt. Ich gebe diese Zahlen mit Vorsicht weiter, denn in manchen Darstellungen ist auch von einem Zehntel davon die Rede. Sicher ist: Es war die bis dahin größte Menge privater Post, die ein deutsches Heer je bewältigt hatte.

Für die Briefe an die Braut war eine Neuerung besonders wichtig, die fast zufällig in diese Wochen fiel. Österreich-Ungarn hatte am 1. Oktober 1869 die „Correspondenzkarte“ eingeführt, eine offene Karte zum halben Preis eines Briefes. Stephan hatte schon 1865 ein ähnliches „Postblatt“ vorgeschlagen und war damals an Einwänden gescheitert: Eine offene Mitteilung, die jeder Briefträger lesen könne, sei unschicklich und bringe zudem weniger Porto ein. Im Norddeutschen Bund unterschrieb Bismarck am 6. Juni 1870 die Verordnung über die Einführung der Correspondenzkarte, gültig ab dem 1. Juli. Zweieinhalb Wochen später erklärte Frankreich den Krieg.
Die Feldpostkarte wurde für die Soldaten portofrei befördert und damit zum Massenartikel. Bis Dezember 1870 sollen rund zehn Millionen Feldpostkarten von der Front in die Heimat gegangen sein. Für viele Familien war das der erste Kontakt mit dem neuen Format überhaupt. Eine solche Karte liegt auch in meinem Karton: vorgedruckte Zeilen für Name, Truppenteil und Bestimmungsort, darunter vier Zeilen Text, von denen die Hälfte aus Grüßen an Verwandte besteht. Für Zärtlichkeiten war auf der Karte schlicht kein Platz, und wer sie schreiben wollte, wusste, dass sie offen durch viele Hände ging.
Wer Liebesbriefe im heutigen Sinn erwartet, wird bei den meisten Feldpostbriefen von 1870 enttäuscht. Der Kern ist fast immer die Nachricht, dass der Schreiber lebt und gesund ist. Dann folgen der Ort, das Wetter, der Marsch, das Quartier und das Essen, Bitten um Strümpfe, Tabak oder Geld, Fragen nach dem Hof, dem Geschäft, den Eltern. Die Braut wird angeredet, aber das Persönliche steht oft ganz am Schluss, in einer oder zwei Zeilen vor der Unterschrift. Man darf daraus nicht schließen, das die Gefühle fehlten. Die Schreiber waren junge Männer, die zum Teil kaum Übung im Briefeschreiben hatten, und die Formeln aus Schule und Briefsteller gaben ihnen Halt.
Wie unterschiedlich die Schreibfähigkeit war, zeigt ein Korpus, das der Sprachwissenschaftler Marko Neumann zusammengestellt hat und das heute im Deutschen Textarchiv zugänglich ist: 170 Briefe von Offizieren, Unteroffizieren und einfachen Soldaten aus den Jahren 1745 bis 1872, buchstabengetreu abgeschrieben, mit einem Schwerpunkt auf 1866 und 1870/71. Wer dort liest, sieht neben sehr gewandten Offiziersbriefen auch Texte, in denen jeder Satz erkämpft ist.
Eine amtliche Briefzensur, wie sie im Ersten Weltkrieg eingeführt wurde, ist mir für 1870/71 in keiner Darstellung begegnet, die ich gelesen habe. Das heißt nicht, dass die Männer frei schrieben. Über Verluste, Plünderungen oder die Angst vor dem nächsten Gefecht findet man in den Briefen an Frauen und Bräute auffallend wenig. Das war Rücksicht, keine Vorschrift. Man wollte zu Hause niemanden beunruhigen, und man wusste, dass Briefe in der Familie herumgereicht und laut vorgelesen wurden.
Schon bald nach dem Krieg begann man, Soldatenbriefe zu veröffentlichen, und Volkskundler setzten sich noch vor 1914 dafür ein, solche Briefe zu sammeln und aufzubewahren. Die bekanntesten Ausgaben stammen allerdings nicht von einfachen Soldaten, sondern aus der Oberschicht.
1903 erschienen bei Cotta „Bismarcks Briefe an seine Gattin aus dem Kriege 1870/71“, ein schmaler Band mit Briefen an Johanna von Bismarck. Im selben Jahr gab die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Lily Braun die „Kriegsbriefe aus den Jahren 1870/71“ ihres Vaters Hans von Kretschman heraus. Es sind Briefe an seine Frau, die sich im Nachlass der Mutter gefunden hatten, und das Buch erreichte rasch eine zweite Auflage. Ich habe mein Exemplar antiquarisch gekauft und lese es mit einem gewissen Vorbehalt: Es ist eben der Blick eines Offiziers, der ein Pferd und einen Burschen hatte, und nicht der eines Musketiers, der seine Stiefel selbst flicken musste.
Ein Sonderfall ist Theodor Fontane. Er reiste als Berichterstatter nach Frankreich, wurde am 5. Oktober 1870 in Domrémy als vermeintlicher Spion festgenommen und kam erst nach rund zwei Monaten frei. Sein Buch „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“ ist kein Briefband, aber es schildert aus nächster Nähe, wie es einem Zivilisten erging, der zwischen die Fronten geriet und wochenlang nicht wusste, wann er seine Familie wiedersehen würde.
Für die einfachen Soldaten muss man in die Archive. Das Stadtarchiv Solingen etwa verwahrt sechs Briefe eines Emil Mecklenbeck an seine Eltern, geschrieben zwischen dem 19. August 1870 und dem 30. Mai 1871, nachgewiesen über die Deutsche Digitale Bibliothek. Die Briefsammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation enthält ebenfalls Feldpost aus diesem Krieg. Briefe an Bräute sind in solchen Beständen seltener, als man denkt. Vermutlich haben viele Frauen sie aufbewahrt und ihre Kinder oder Enkel sie später weggeworfen, oder sie sind in genau den Kartons gelandet, die ich auf Flohmärkten durchsuche.
Nicht jede Korrespondenz endete mit der Heimkehr. Für die Frauen, deren Briefe unbeantwortet zurückkamen, begann eine andere Geschichte, die ich auf der Seite über Kriegerwitwen nach 1871 erzähle. Wer wissen möchte, wie aus einer Brautschaft nach dem Krieg eine Ehe wurde, findet mehr unter Verlobung, Mitgift und Aussteuer und zur neuen standesamtlichen Trauung unter Zivilehe 1875. Den Krieg selbst fasse ich im Rückblick auf 1870/71 zusammen.
Was mich an diesen Briefen am meisten berührt, ist nicht das Pathos, das man in gedruckten Sammlungen manchmal findet. Es sind die kleinen Sätze am Rand: die Bitte, der Mutter nichts von der Erkältung zu sagen, oder der Nachsatz, man möge das beiliegende Blümchen nicht wegwerfen. In meinem Bündel liegt es übrigens noch, flach gepresst, braun, und von einer Blume kaum noch zu unterscheiden.
| Briefe und Anzeigen | ||
| Brautbriefe und Feldpost | Was Soldaten 1870/71 nach Hause schrieben und wie die Post sie beförderte. | |
| Heiratsanzeigen | Ehesuche in der Zeitung zwischen 1871 und 1914: Sprache, Zahlen und Ruf. | |
| Heiratsvermittler um 1900 | Ehemakler, Heiratsbüros und der Lohn, den kein Gericht zusprach | |
| Von der Annonce zur Partnerbörse | Kontaktanzeigen, Vermittlungsinstitute und Computertests im 20. Jahrhundert, dann Internet und App. | |
| Recht und Familie | ||
| Zivilehe 1875 | Standesamt statt Kirchenbuch: das Personenstandsgesetz und seine Folgen | |
| Verlobung, Mitgift, Aussteuer | Brautschatz, Wäschetruhe und der Paragraf zum Kranzgeld | |
| Kriegerwitwen nach 1871 | Beihilfen in Talern, Wartefristen und die Frage der zweiten Ehe | |
| Zum Hintergrund | ||
| 1870/71 im Rückblick | Der Krieg, die Reichsgründung und wie man sich später daran erinnerte. | |
| Quellen | Bücher, Aufsätze, Gesetzestexte und digitale Bibliotheken, auf die sich die Beiträge stützen. | |
| Über mich | Wer hier schreibt, wie die Sammlung entstand und wie ich mit Quellen arbeite. | |