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Brautbriefe, Heiratsanzeigen und Eheanbahnung in Deutschland

Heiratsanzeigen im Kaiserreich

Ein Wort vorweg, weil es immer wieder zu Verwechslungen führt: Mit „Heiratsanzeige“ meinte man lange zweierlei. Zum einen die Bekanntgabe einer schon geschlossenen Ehe, wie man sie bis heute in der Zeitung findet. Zum anderen das Gesuch, mit dem jemand überhaupt erst einen Ehepartner sucht. Um diese zweite Sorte geht es hier. Zeitgenossen nannten sie meist „Heiratsgesuch“ oder „Heiratsannonce“, und in meiner Mappe mit Zeitungsausschnitten sind sie die Mehrheit, weil sie viel unterhaltsamer sind als die Vermählungsnachrichten.

Buchseite mit Musteranzeigen, darunter Heiratsgesuche eines Junggesellen, eines Witwers und einer Witwe

Die Anfänge liegen früher als das Kaiserreich

Die ersten gedruckten Heiratsgesuche erschienen in England. Als früheste gilt ein Inserat aus dem Jahr 1695, ganz sicher ist die Datierung aber nicht. In Deutschland wird die erste Heiratsannonce den Frankfurter „Frag- und Anzeige-Nachrichten“ vom 8. Juli 1738 zugeschrieben. Darin suchte ein „honettes Frauenzimmer“ einen Ehemann, am liebsten einen Doktor oder einen Advokaten. Solche Einzelfälle blieben im 18. Jahrhundert eine Kuriosität, über die man in Lustspielen lachte.

Richtig in Gang kam die Sache erst nach 1871. Das hatte mit den Zeitungen selbst zu tun. In den 1870er Jahren wurden im Reich rund 450 neue Zeitungen gegründet, in den 1880er Jahren über 500. Mitte der 1880er Jahre zählte man etwa dreitausend Titel, 1906 mehr als viertausend. Wo so viel gedruckt wurde, wuchsen auch die Anzeigenteile, und mit ihnen der Platz für private Wünsche.

Was die Zahlen zeigen

Die gründlichste Untersuchung, die ich kenne, ist die Göttinger Dissertation von Tamara Frey, „Strengste Verschwiegenheit auf Manneswort“ (2016). Sie hat 20 Zeitungen in sechs Stichjahren zwischen 1873 und 1908 durchgesehen und dabei rund 41.000 Heiratsgesuche gezählt, Wiederholungen nicht eingerechnet. Das Ergebnis ist verblüffend ungleich verteilt: 96 Prozent aller Gesuche standen in nur drei großen Generalanzeigern, allen voran den „Münchner Neuesten Nachrichten“ mit fast 23.800 und dem „Berliner Tageblatt“ mit etwa 12.800. Die Parteizeitungen druckten dagegen vergleichsweise wenige.

Am „Berliner Tageblatt“ lässt sich der Anstieg gut ablesen. 1873 waren es rund 150 Gesuche im ganzen Jahr, 1878 schon fast tausend, 1893 über 1.650 und 1908 knapp 5.000. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ richteten nach der Jahrhundertwende sogar eine eigene Rubrik mit der Überschrift „Heirat“ ein. Ein hübsches Detail aus derselben Arbeit: Der stärkste Monat war oft der November, manche Inserate trugen die Überschrift „Weihnachtswunsch“, und im Juni, wenn man in die Sommerfrische fuhr und dort vielleicht ohnehin jemanden traf, wurde am wenigsten inseriert.

Männer inserierten etwa doppelt so häufig wie Frauen. Der Anteil der Frauen stieg von 18 Prozent in den 1870er Jahren auf 39 Prozent in den 1890ern und pendelte sich danach bei rund einem Drittel ein. Dass es nicht mehr waren, überrascht nicht: Anstandsbücher schärften jungen Damen ein, dass die Frau bei der Werbung nicht den ersten Schritt tun dürfe.

Die Sprache der Gesuche

Heiratsgesuche wurden nach Zeilen bezahlt, und das merkt man. Ein Inserat aus dem „Berliner Tageblatt“ vom 23. Juni 1878 lautet, gekürzt, so: Ein junger gebildeter Mann, Bürobeamter, 25 Jahre, sucht die Bekanntschaft einer einfach erzogenen, achtbaren Dame entsprechenden Alters mit etwas Vermögen, um sich bald zu verheiraten. Im Original steht das in Abkürzungen: „gebild.“, „achtb.“, „Vermög.“, „beh. bald. Verheir.“, „Off.“ für Offerten. Wer heute solche Anzeigen liest, braucht eine Weile, bis er das System durchschaut. Mir ging es nicht anders.

Fast alle Gesuche sind in der dritten Person verfasst, als stelle ein Dritter den Suchenden vor. Das entsprach dem Stil anderer Anzeigen wie Stellengesuchen, hatte aber einen praktischen Nebeneffekt: Man sah nicht, wer wirklich schrieb. Tatsächlich gaben manchmal Eltern, Onkel oder Tanten Inserate für ihre Kinder und Nichten auf, gelegentlich ohne deren Wissen. Und hinter manchem Gesuch, das mit „Für“ begann oder die Beilage von Porto verlangte, steckte ein gewerbsmäßiger Vermittler. Mehr über diesen Berufsstand steht auf der Seite zur Heiratsvermittlung um 1900.

Die Angaben folgten einem festen Muster: zuerst Stand und Beruf, dann Alter, Konfession und Vermögen, danach die Wünsche an die Partnerin oder den Partner, am Ende der Kontaktweg. Der „Beamte“ und der „Kaufmann“ tauchen auffallend oft auf, bei den Frauen die „Witwe“ und das „Fräulein aus guter Familie“. Geld wird ohne Umschweife genannt, gern mit genauer Summe. Wer verstehen will, warum, sollte die Seite über Mitgift und Aussteuer lesen, denn eine Ehe war um 1900 immer auch eine wirtschaftliche Verbindung.

Chiffre und Diskretion

Kaum jemand setzte seinen Namen unter ein Gesuch. Üblich war eine Chiffre, also eine Buchstaben- und Zahlenfolge, unter der die Antworten bei der Zeitung oder einer Annoncen-Expedition gesammelt wurden. Dazu kamen Beteuerungen wie „Strengste Diskretion zugesichert“ oder „ehrenwörtliche Verschwiegenheit“, dazu der Hinweis, anonyme Zuschriften blieben unbeachtet. Häufig wurde um eine Fotografie gebeten, die man selbstverständlich zurückzuschicken versprach.

Wie sehr die Form um 1900 zum Alltag gehörte, zeigt ein Fund aus einem ganz anderen Regal: Der Briefsteller „Der Haussekretär“, ein Berliner Musterbuch für Briefe und Inserate aller Art, druckt auf derselben Seite eine Liegenschaftsversteigerung, eine Vereinsversammlung und mehrere Heiratsgesuche ab, darunter das eines „soliden Junggesellen“ und das eines kinderlosen Witwers Mitte vierzig. Wenn man für etwas eine Vorlage zum Abschreiben braucht, ist es offenbar keine Ausnahme mehr.

Peinlich oder praktisch?

Der Ruf der Heiratsannonce blieb trotzdem zwiespältig. In Anstandsbüchern wurde sie abgelehnt. Das verbreitete „Goldene Anstandsbuch“, das der Journalist Tony Kellen unter dem Namen J. von Eltz herausbrachte, bezweifelte trocken, dass der vielbeschworene „Mangel an Damenbekanntschaft“ wirklich so oft vorliege, und hielt von solchen Vermittlungen wenig. Von links kam schärfere Kritik: August Bebel sah in „Die Frau und der Sozialismus“ in den Heiratsgesuchen einen Beleg dafür, wie sehr die bürgerliche Ehe am Geld hing.

Die Inserenten wussten das und reagierten darauf. Die häufigste Rechtfertigung, die Frey in den Anzeigen gefunden hat, ist die Wendung, man suche „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege“. Das sollte beruhigen: Man tue nichts Anrüchiges, sondern etwas, das andere längst auch tun. Andere begründeten ihren Schritt mit dem Beruf, dem Wohnort auf dem Land oder schlicht damit, dass sie in ihrer Umgebung niemanden kennenlernten. Ein Leser der „Vegetarischen Warte“ schrieb 1903 ein ganzes, mit seinem Namen gezeichnetes Inserat, in dem er vorsorglich auf den Spott antwortete, den er dafür erwartete.

Ob all diese Annoncen zu Ehen geführt haben, weiß niemand. Antworten und Briefwechsel sind nur ganz selten erhalten. In meiner Sammlung liegt ein einziger solcher Brief, eine höfliche Absage auf ein Gesuch, dessen Zeitung ich nie gefunden habe. Die Schreiberin bedankt sich für die Fotografie und schickt sie mit dem Bemerken zurück, sie habe sich „anderweitig gebunden“. Der Umschlag ist sorgfältiger beschriftet als der Brief selbst.

Wie die Heiratsanzeige im 20. Jahrhundert zur Kontaktanzeige wurde und was danach kam, erzähle ich unter Von der Annonce zur Partnerbörse. Wer selbst in alten Anzeigenseiten blättern möchte, findet viele Zeitungen des Kaiserreichs digitalisiert im Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek.

 


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