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Der Krieg als Ereignis und als Motor der Moderne / La guerre comme événement et comme moteur de la modernité

„…le souvenir de la barbarie où nous avions tous été enveloppés ; nous en sortions à peine.” (Edgar Quinet, Histoire des mes idées, 1858)

Die Ethnisierung des Politischen als Ursache des ersten von drei deutsch-französischen Kriegen

Edgar Quinets „nous tous” mag als kritische Anmerkung zum Selbstverständnis der französischen Nation gedeutet werden, die sich ja als politische und kulturelle Führungsmacht Europas im 19. Jahrhundert verstand. In der Retrospektive und also im Bewusstsein, dass der Krieg von 1870/71 der erste von drei deutsch-französischen Kriegen innerhalb von sieben Jahrzehnten sein sollte, die vom Gedanken einer Erbfeindschaft befeuert wurden, öffnet sich noch eine weitere Lesart der Äußerung Quinets: Die gegenseitige Bezeichnung als ‚Barbaren‘ stellt sich als ein Phänomen dar, das keine nationalen Grenzen kennt und gleichzeitig den Glutkern des aggressiven Nationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts  ausmacht: nämlich die Aufkündigung der Idee einer gemeinsamen Zivilisation. Letztere wurde ja bis dato nicht nur durch die gemeinsame Religion garantiert, sondern auch durch rege transferts culturels (Michel Espagne), welche die nationalen Grenzen relativierten. In dieses dichte Geflecht brach im Vorfeld des Krieges von 1870/71 der Barbaren-Vorwurf mit zerstörerischer Kraft ein, die sich dann im Sommer 1914 vollends entladen sollte.

Es gilt zu zeigen, wie sich der Begriff des Barbaren, der ja bis dato als Metapher für das Fremde und schlechthin andere (nämlich Außer-Europäische) verwendet wurde, zu einem politischen Kampf- und Propagandabegriff und als Heterostereotyp des unmittelbaren Nachbarvolkes entwickeln konnte: Diese Essentialisierung des anderen stellt den modernen Begriff des Politischen radikal in Frage, wie er sich bei Hobbes (Loslösung der Legitimität vom Gottesgnadentum) und Montesquieu (Entsubstanzialisierung des Souveränitätsprinzips) entwickelt hatte.

Daher gilt es ebenso zu zeigen, inwiefern die Ethnisierung des Politischen durch die bewusste Bezeichnung des Nachbarn mit einem Begriff der Vormoderne zum blinden Fleck des jeweiligen eigenen Selbstverständnisses wurde – womöglich sind die zeitgenössischen Identitätsdebatten der Moderne ein fernes Echo dieser Essentialisierung.